Epistel der Deutschen Jahresversammlung der Religiösen Gesellschaft der Freunde 2021

„In der Welt da habt Ihr Angst“ (Joh. 16.33). Corona lässt wie ein Brennglas Unsicherheiten bei uns zu Tage treten, die die großen Themen Ungerechtigkeit, Erderhitzung und nukleare Bedrohung ungerechtfertigt zurücktreten ließen. Wir wünschen uns Verbundenheit auf unserem Quäkerweg mit den Freund:innen in aller Welt, die wir auf diesem Wege grüßen. Unsere 91. Jahresversammlung fand mit einem Hygiene-Konzept statt, um das wir im Sinne der Teilhabe aller gerungen hatten. Ca. 100 Teilnehmende, einschließlich einer Hand voll Delegierter anderer Jahresversammlungen, versammelten sich so teils im Pyrmonter Quäkerhaus (alle getestet), teils allein oder in Gruppen am Bildschirm zugeschaltet. Ohne physische Anwesenheit der Kinder und Jugendlichen gab es dennoch auch für sie ein kleines Programm. Zudem kam eine große Gruppe Unter-18-jähriger unmittelbar vor unserem Treffen für gemeinsame Tage in Benkendorf zusammen. 

Das Motto dieser Jahresversammlung lautet: „Quäker:innen auf dem Weg – gemeinsam Zukunft gestalten!“

Wie können wir angesichts aller Bedrohungen als Einzelne und als Gemeinschaft wirksam werden, deren Ausmaß so gut wie möglich begrenzen, und den von ihren Auswirkungen am härtesten Betroffenen beistehen? Viele von uns sind froh, sich Initiativen auf lokaler Ebene anschließen zu können, wie zum Beispiel Mahnwachen in Büchel gegen die nukleare Bedrohung und Aktionen in Lützerath gegen die Zerstörung von Lebensgrundlagen durch den Braunkohletagebau. Wir wollen Beziehungsproblematiken und persönliche Befindlichkeiten überwinden, um uns voll Vertrauen neuen Organisationsformen des Teilens und von Gemeinschaft zu öffnen.

Unsere innere Haltung von Aufmerksamkeit und Wertschätzung gegenüber allen Lebensformen und Lebensgrundlagen kann auf unsere Umgebung ausstrahlen und inspirieren. Im Rahmen der Jahresversammlung hörten wir viele persönliche Zeugnisse aus dem Leben von Freundinnen und Freunden. Wir haben dadurch Mut und Zuversicht geschöpft.

Stefan Mann zeigte in seiner Cary-Vorlesung „Die Genesis geht weiter“ anhand eigener Erlebnisse sowie Ereignissen aus Politik und Gesellschaft, dass wir alle auch als Einzelne durch unser Tun eine Wirkung haben können. Durch kleine Schritte, den Mut zu widersprechen und eigene Ideen einzubringen, kann jede:r zu einer positiven Entwicklung beitragen. Vielleicht, so meint er, ist die Abschaffung der „Tierproduktion“ für das 21. Jahrhundert eines Tages das, was die Abschaffung der Sklavenhaltung für das 19. Jahrhundert war. Bei allen offenen Fragen ist es ermutigend, dass „unsere quäkerischen Grundwerte, von Frieden bis hin zur Gleichwertigkeit, uns ein gutes Rüstzeug geben, um uns für Verbesserungen nicht nur im Kleinen, sondern auch im Großen einzusetzen“ (Stefan Mann). In dem Gespräch aus der Stille nach der Cary-Vorlesung zeigte sich, dass wir in der Frage hinsichtlich unseres Umgangs mit den Mitgeschöpfen noch im mitfühlenden Gespräch miteinander sind. Auch im Gefühl eigener Unvollkommenheit, können wir erste Samenkörner säen, die vielleicht erst später aufgehen und – gemeinsam mit den Taten anderer Menschen – das gesamte Bild erkennen lassen. 

Ausgehend von einer Initiative der Evangelischen Landeskirche Baden stellte uns Ralf Becker ein Szenario für eine rein zivile Sicherheitspolitik Deutschlands vor. Es enthält konkrete Vorschläge zur fairen Gestaltung von wirtschaftlichen Außenbeziehungen, zur Ablösung von militärisch ausgerichteten Interventionen durch friedensbildende Maßnahmen und zur Stärkung der demokratischen Werte. Die Erkenntnis, dass Gewalt immer weitere Gewalt auslöst, teilen inzwischen selbst bisherige Befürworter:innen militärischer Einsätze. Kooperation und Frieden können nur nachhaltig gelingen, wenn wir die „Rüstung ablegen“ und uns auch mit unserer verletzlichen Seite anderen anvertrauen. Die Jahresversammlung tritt dem Kreis der Unterstützer der Initiative „Sicherheit neu Denken“ bei. Wir wollen die Initiative aktiv und kritisch begleiten.

Eine von uns beauftragte Koordinierungsgruppe erarbeitet ein auf Beteiligung orientiertes Konzept, um Kinder und Jugendliche bei Quäkerveranstaltungen vor sexualisierter Gewalt zu schützen. Die Arbeit am Schutzkonzept selbst ist ein Teil der Prävention: wir wollen das Unaussprechliche ins Licht stellen und übernehmen gemeinsam Verantwortung für einen Umgang miteinander, frei von Machtmissbrauch und Gewalt. Es wird im kommenden Jahr in den Bezirken vorgestellt und besprochen.

Besonders beschäftigt uns weiter die Zukunft unseres Quäkerhauses, bezüglich dessen wir unterschiedliche Perspektiven auf Erhaltung und Nutzung geklärt haben. Nachdem wir im vorigen Jahr beschlossen hatten, das historische Gebäude mit seiner buchstäblich bewegten Geschichte zu erhalten, haben uns der Arbeitsausschuss und die Arbeitsgruppe „Zukunft des Quäkerhauses“ Konzepte vorgestellt, die den unterschiedlichen Perspektiven entsprechen. Jetzt wollen wir eine Vorplanung in Auftrag geben, auf deren Grundlage wir Umbauten entscheiden wollen, die den Bestand vielfältiger nutzbar machen und im Rahmen unserer Möglichkeiten liegen.

Eine Freundin berichtete nach der Andacht von ihrem Erlebnis in den frühen Morgenstunden: Sie ging in Richtung des Quäkerhauses, das an einem Hang liegt. Bergabwärts sah sie Nebel und trübe Stimmung, bergaufwärts wärmende Sonnenstrahlen und Klarheit. Sie zog den Vergleich zu unserem spirituellen Leben als Quäker:innen: Wir sehen zwar das Dunkle und Trübe, aber wir wenden uns dem Licht zu und lassen uns von ihm führen.

17. Oktober 2021